Im Januar 2017 veröffentlichte der australische Verlag Manticore Press die Anthologie Aristokratia IV - D'Annunzio, Nietzsche, Stirner & Social Revolt. Mein Beitrag zu diesem Sammelband besteht in dem Essay Max Stirner - der vollendete Individualist, auf welchen sich bisher verschiedene Kritiker dieser Publikation häufig bezogen. Ich präsentiere nun den gesamten Text erstmalig in deutscher Sprache.

Max Stirner - Der vollendete Individualist

Unter allen nonkonformen Denkern der Neuzeit erweist sich keiner als derart radikal in seinem Freiheitsstreben und seiner Abwehr staatlicher oder gesellschaftlicher Reglementierungen wie Repressionen wie der früh verblichene deutsche Feuergeist Max Stirner, ein Zeitgenosse von Arthur Schopenhauer, Ludwig Feuerbach und Karl Marx.

Wer war dieser Mann, dessen Name oder besser dessen Pseudonym heutzutage kaum noch irgend jemandem bekannt ist? „Max Stirner“ wurde 1806 in Bayreuth als Johann Caspar Schmidt geboren. (Das Geburtshaus Stirners, Ecke Maximilianstraße und Brautgasse in Bayreuth, steht unweit der Villa Wahnfried Richard Wagners (1813- 1883). Wagner wurde in seinen revolutionären Tagen Stirnerianer und behielt trotz seines christlichen Glaubensbekenntnisse wie seines christlichen Erlösungsstrebens, ein gewisses Maß an stirnerscher Perspektive ein Leben lang bei.)

Sein Vater, ein Musikinstrumentenproduzent, starb bereits 1807 und seine Mutter, die sich mit einem Apotheker wiederverheiratete, mit dem sie dann ins westpreußische Kulm zog, übergab ihn 1818, im Alter von gerade einmal zwölf Jahren, an seine Pateneltern in Bayreuth, wo er bis zur Erlangung seines Abiturs lebte. (Für die Schulgebühr kam seine Mutter, damit jedoch in letzter Konsequenz deren Ehegatte, auf !)

Der junge Johann Caspar Schmidt war zweifellos ein früh der Vater- und Mutterliebe entrissener Mensch, der wahrscheinlich in seiner gesamten Jugendzeit lediglich hospitalisiert wurde und auf diese Weise, so legen es jedenfalls seine philosophischen Schriften nahe, sehr früh einen seelischen Panzer entwickelte, wie es für Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung gemeinhin typisch ist. (Freilich waren derartige Persönlichkeitsstörungen medizinisch zu jener Zeit noch völlig unbekannt!) Schmidt studierte trotz fehlender Geldmittel, also persönlicher Armut, in Berlin, Königsberg und Erlangen.

In Berlin besuchte er Vorlesungen Hegels (1770- 1831); der einst dem jüngeren Arthur Schopenhauer (1788- 1849) als Dozenten an der Berliner Universität unbeabsichtigt die Hörer gestohlen und diesen damit unbeabsichtigt in eine tiefe Lebenskrise gestürzt hatte; sowie Vorträge Friedrich Schleiermachers (1768- 1834), den Geographieunterricht Karl Ritters (1779- 1859) und nicht zuletzt Jules Michelets (1789- 1874) Geschichtsvorlesungen. 1835 endete sein Studium in Berlin.

Er fand jedoch längere Zeit keine feste Anstellung und kam erst vier Jahre später nach unzähligen fehlgeschlagenen Bemühungen als Lehrer an einer Schule für höhere Töchter unter. Schmidts Studienzeit fand ausschließlich aus finanziellen Gründen Unterbrechungen, so daß er auch nicht, wie ursprünglich von ihm beabsichtigt, im Fach Philosophie promovierte. Immerhin heiratete Schmidt bald nach seiner Studienzeit. Seine Frau und sein ungeborenes Kind verstarben jedoch 1838 und überhaupt verfolgte den zunehmend verbitternden Freigeist sein Leben lang auf verschiedene Art das Unglück, wenngleich wenigstens seinem Hauptwerk ein gewisser Verkaufserfolg beschieden sein sollte.

 

Schmidt blieb eine lange Zeit lediglich zugelassener Lehramtskandidat der preußischen Schulbehörde, arbeitete danach jedoch nur noch wenige Jahre als vollwertige Lehrkraft. Ihn zog es dafür früh zu systemkritischen Kreisen, in denen ihm Respekt widerfuhr und wo er sich lange Jahre regelmäßig an Disputationen beteiligte, was seiner Rhetorik mit Sicherheit sehr zugute kam. 1841 schloß sich Schmidt in Berlin dem liberalen Debattierklub der >Freien< (Freidenker) an, die sich unter anderem kritisch mit dem Werk Hegels auseinandersetzten.

An den Treffen im >Café Stehely< sowie >Hippels Weinstube< nahmen Männer wie der Übersetzer Ludwig Buhl, der Gymnasiallehrer Karl Friedrich Köppen, die Brüder Bruno und Edgar Bauer, der Journalist Adolf Rutenberg (Rutenberg arbeitete für die >Rheinische Zeitung<, der ab 15.Oktober 1842 bis zu deren Verbot am 31. März 1843 Karl Marx als Chefredakteur vorstand.), die Dichter Wilhelm Jordan und Rudolph Gottschall, Hermann Maron, der Berufsoffizier Franz Szeliga Zychlin von Zychlinski, der Leutnant Wilhelm Saint- Paul, Otto Michaelis (Gründer der >Nationalzeitung<) sowie verschiedentlich auch Gäste, wie bsw. Friedrich Engels, teil.

 Die >Freien< besaßen im deutschen Raum einen gewissen medialen Einfluß. Artikel von ihnen fanden sich zu jener Zeit regelmäßig in der >Rheinischen Zeitung<, der >Königsberger Zeitung<, der >Leipziger Allgemeinen Zeitung<, der >Trierschen Zeitung< sowie verschiedenen Quartalsschriften wie >Wigands Vierteljahresschrift<, >Die Epigonen< und etwa dem >Telegraphen für Deutschland<.   

Mit ihnen suchten sie das herrschende geistige Klima, besonders in Preußen, zu verändern. (Zum Hintergrund dieses Millieus und der Aktivitäten seiner Mitglieder muß folgendes angemerkt werden: Bevor es zu einem Verbot Rheinischen Zeitung als einem "Organ der Demokratie" am 31. März 1843 durch die preußische Regierung kam, hatten Mitglieder der französischen Freimaurerloge >Grand Orient de France<, die durch den jüdischen Revolutionär Moses Hess auf Karl Marx aufmerksam geworden waren, da sie enorm am Fortbestand der staatlichen Verhältnisse Deutschlands, d.h. der Kleinstaaterei und wirtschaftlicher Rückständigkeit, interessiert waren, Marx nach Paris gerufen und ihm dort u.a. auf ihre Kosten eine Wohnung in der >Rue Vanneau< angemietet. In dieser Zeit setzte die Korrespondenz zwischen Karl Marx und Friedrich Engels ein, der wiederum mit Max Stirner in Kontakt stand. Der badische Industriellensohn Friedrich Engels verschwindet als historische Figur nahezu vollständig hinter Marx, doch tatsächlich war er von beiden der größere Geist und Gelehrte, dem zudem nach Marx Tode die herkulische Aufgabe zufiel, aus dem chaotischem Schriftennachlass seines Freundes die Nachfolgebände des >Kapitals< zu erstellen, was Engels auch bravourös bewältigte. Marx, der zur Zeit des Erstkontaktes zwischen Stirner und Engels noch über keine nennenswerten ökonomischen Kenntnisse verfügte, bildete sich erst in den Jahren 1843- 45 eine erste, umfassendere Meinung zu ökonomischen Problemen durch Engels >Umrisse zu einer Kritik der NationalökonomieVorwärts<, –Georg Herwegh ((1817-1875)), der in der badischen Revolution von 1849 eine zentrale Rolle spielen sollte, an einer Reihe von Sitzungen der Loge >Grand Orient de France< in der >Rue Cadet< Nr. 16 in Paris teil, woraus eine ganze Reihe westlicher Autoren zu späterer Zeit einen freimaurerischen Hintergrund des Kommunismus schlußfolgerten. Durch diese Loge lernte Engels jedenfalls Ludwig Bernays und August Hermann Ewerbeck, Mitglieder des >Bundes der Gerechten<, kennen; letzterer eine freimaurerische Revolutionsgruppe gleich den italienischen Carbonari unter Führung unterschiedlicher Freimaurerführer. Des weiteren bestanden Kontakte zwischen Engels, Marx und dem Anarchorevolutionär Michael Alexej Bakunin ((1814-76)), einem ehemaligen zaristischen Offizier, der 1849 die Aufstände in Dresden militärisch koordinieren sowie Mitbegründer der >Dritten Internationale<, d.h. der Kommunistischen Bewegung, werden sollte. Zu diesem Kreis hielt in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts auch der politisch noch weithin unbedarfte Stirnerianer Richard Wagner Kontakt, der sich zu jener Zeit aus fragwürdigen Motiven für den Republikanismus einsetzte.)

Schmidt begann zu jener Zeit; und dies sollte man historisch richtig verorten; unter dem Pseudonym >Max Stirner< Artikel zu publizieren. 1842 lernte Schmidt/Stirner in Berlin bei den >Freien< Marie Dähnhardt kennen, die Tochter eines Apothekers, die er 1843 zu seiner zweiten Frau machte. Im selben Jahr kündigte er seine Dozentenstelle auf und begann mit der Arbeit an seiner Schrift >Der Einzige und sein Eigentum<, das sein Hauptwerk werden sollte und im Oktober 1844 (mit Datierung von 1845) unter dem Namen >Max Stirner< publiziert wurde.

1846 verließ ihn seine Frau nach drei Ehejahren und übersiedelte nach England. (Auch diese Ehe blieb kinderlos.) Damit setzte eine überaus produktive Phase ein, während der er u.a. Adam Smiths >The Wealth of Nations< (>Der Reichtum der Nationen<) in die deutsche Sprache übertrug, eine, besonders für die damalige Zeit als in Deutschland nur wenige Akademiker Englisch in Rede und Schrift flüssig beherrschten, unerhörte Leistung. Stirner starb leider bereits im Jahre 1856 (25. Juni) an einer Infektion, die von einer zunächst scheinbar geringfügigen Hautverletzung herrührte und wurde auf dem Berliner Sophienfriedhof beigesetzt.

In Deutschland rezipierten noch lange Jahre unzählige bedeutende Denker und Schriftsteller Stirners Werk. Zu den berühmtesten Anhängern seiner Ideen zählten Richard Wagner, Hans von Bülow und Friedrich Engels. >Der Einzige und sein Eigentum<, - Stirners Hauptwerk, schlug bei Erscheinen in der literarischen Welt gleich einer Bombe ein und löste 1844/45 eine internationale Kontroverse in akademischen Kreisen aus, die vornehmlich über bedeutende Blätter wie die >Trier´sche Zeitung< oder auch die Pariser >Revue des deux mondes< (gespr. Revü de demonde; zu deutsch: >Schau zweier Welten< oder >Bericht zweier Welten<) ausgetragen wurde.

Nach 1849 flaute, nicht zuletzt durch die Publikationen von Karl Marx, zunächst über Jahrzehnte bis zum Erscheinen von John Henry Mackays (1864-1933) Stirner- Biographie im Jahre 1898 das Interesse an Stirners Denken ab, so daß der nonkonforme Künder des absoluten >Ich< und der Prophet eines nie zuvor gekannten Eignertums offenbar bis kurz vor Beginn des 20. Jahrhunderts unter deutschen Intellektuellen weithin vergessen war.

Mackay, der halb schottischer, halb deutscher Herkunft, in Greenock bei Glasgow geboren wurde, jedoch nach dem Tode seines schottischen Vaters in Saarbrücken aufwuchs, stieß ausgerechnet während eines Englandaufenthaltes auf die Stirnerschrift >Der Einzige und sein Eigentum< und wurde schlagartig zu einem glühenden Bewunderer des Politphilosophen. Fortan sammelte er Stirner- Artikel, die er dann sukzessive in Sammelbänden (neben Stirners Biographie) republizierte. >Der Einzige und sein Eigentum< gilt uns nach ausführlicher Auseinandersetzung mit Stirnertexten tatsächlich als wichtigste Arbeit des aufrührerischen deutschen Denkers und geriet zweifellos zu Unrecht zeitweilig in Vergessenheit.

Mit diesem Werk warf Stirner der gesamten Öffentlichkeit, den Kirchen, Parteien, Regierungen und reaktionären wie sozialrevolutionären Kreisen, ja überhaupt allen Dogmatikern, Philanthropen und „Idealisten“ seiner Zeit (als auch der Vergangenheit und Zukunft), den Fehdehandschuh hin. Stirner attackierte zeitlebens kollektivistische Lehren, da er ein Feind des Staatswesens per se, des reglementierten Daseins, also der Knechtung der Menschen, war.

Allerdings bekannte er sich niemals zum politischen Anarchismus, wie man ihm dies gewöhnlich unterstellt, da ihn die Politik anekelte und er als absoluter Individualist jedwede kollektive Handlung als Einschränkung der individuellen Freiheit bewertete. Stirners Hauptwerk >Der Einzige und sein Eigentum< kann als Generalabrechnung mit den bestehenden Verhältnissen der westlichen Welt seiner Zeit aufgefasst werden und trägt sowohl philosophische, als auch politische Züge, wiewohl seine Ansichten nicht politisch positiv zu verwerten sind und man ihn allein aus diesem Grunde nicht politisch verorten oder vereinnahmen sollte. Er selbst machte sich und anderen keine Illusionen über die Motive seiner schriftstellerischen Tätigkeit. „Schreibe ich aus Liebe zu den Menschen? Nein, Ich schreibe, weil Ich meinen Gedanken ein Dasein in der Welt erschaffen will, und sähe Ich auch voraus, daß diese Gedanken Euch um eure Ruhe und euren Frieden brächten, sähe Ich auch die blutigsten Kriege und den Untergang vieler Generationen aus dieser Gedankensaat aufkeimen: -Ich streute sie dennoch aus. Macht damit, was ihr wollt und könnt, das ist eure Sache und kümmert Mich nicht... Ich singe, weil- Ich ein Sänger bin. Euch aber gebrauche Ich dazu, weil Ich Ohren brauche.“ (Max Stirner, >Der Einzige und sein Eigentum<, 2. Abteilung, II. 2. >Mein Verkehr<)

Man muß allein durch die Lektüre des >Einzigen< annehmen, daß Stirners Lebensweg bis zur Abfassung seines Hauptwerkes von immensen Leiden bestimmt war, zumal er sich kraft seiner außergewöhnlichen Intelligenz der Ursachen sowie seiner exponierten geistigen Stellung bewußt war. „Die Weltgeschichte ist mit Uns grausam umgegangen, und der Geist hat eine allmächtige Gewalt errungen. (Stirner versteht darunter die Geistesdiktatur innerhalb der menschlichen Gesellschaft, worauf wir später noch näher eingehen werden ! / Anmerkg. Pletat)

Du musst meine elenden Schuhe achten, die Deinen nackten Fuß schützen könnten, (M)ein Salz, wodurch Deine Kartoffeln genießbar würden, und (M)eine Prunkkarosse, deren Besitz Dir alle Not auf einmal abnähme: Du darfst nicht danach langen. Von alle dem und unzähligem Anderen soll der Mensch die Selbständigkeit anerkennen, es soll ihm für unergreifbar und unnahbar gelten, soll ihm entzogen sein. Er muß es achten, respektieren; wehe ihm, wenn er begehrend seine Finger ausstreckt: Wir nennen das >lange Finger machen<! Wie so bettelhaft wenig ist Uns verblieben, ja wie so gar nichts!

Alles ist entrückt worden, an nichts dürfen Wir Uns wagen, wenn es Uns nicht gegeben wird: Wir leben nur noch von der Gnade des Gebers. Nicht eine Nadel darfst Du aufheben, es sei denn, Du habest Dir die Erlaubnis geholt, daß du es dürftest….. Und wiederum sollst Du keinen Gedanken fassen, keine Silbe sprechen, keine Handlung begehen, die ihre Gewähr allein in Dir hätte, statt sie von der (gesellschaftlichen) Sittlichkeit oder gar der (gesellschaftlichen) Vernunft oder der (gesellschaftlichen) Menschlichkeit zu empfangen.“ (Max Stirner, >Der Einzige und sein Eigentum<, 1. Abteilung, >Die Hierarchie<)

Stirner wendete sich entschieden gegen die etablierte Ordnung, die herrschenden ökonomischen Verhältnisse und die Diktatur der etablierten Scheinmoral (autonomer, pragmatischer Moralismus), die nach ihm noch viele Große "aufs Korn" nehmen sollten. Ganz sicher mußte der Bayreuther Denker in seinem Leben außerordentliche Not, Drangsal und Unrecht erdulden und sicherlich hat ihn dies früh verbittern lassen. Doch besaß er kein sklavisches Naturell wie viele seiner und zweifellos auch unserer Zeitgenossen (oder gar der Majorität der Menschheit seit ihren frühesten Tagen), bezog vielmehr eine Art aristokratische Position, was sich im Übrigen auch gut mit einer narzistischen Persönlichkeitsstörung (die wir in Kenntnis seines Werkes psychologisch in Betracht ziehen müssen) verträgt.

Stirner nutzte jedenfalls seine intellektuellen wie sprachlichen Fähigkeiten, als auch sein angesammeltes Wissen, zu einer geistigen (General-) Abrechnung, wie sie damals in der gesamten westliche Welt ihresgleichen suchte und wohl auch heute noch sucht. Aber gänzlich anders als die Majorität der Aufklärer des 17. und 18. Jahrhunderts, haftete er nicht sklavisch an Begriffen oder akademischen Vorstellungen und Gepflogenheiten.

So verwarf Stirner vor Marx oder Engels in aller Öffentlichkeit den ideologischen Liberalismus der Bourgeoisie und die allzu bekannten, politisch instrumentalisierten Schlagworte wie >Menschheit<, >Brüderlichkeit<, >Humanität<, >Menschenrechte< oder >Freiheit< etc. (deren sich ja Marx und seine Gefolgschaft doch noch partiell bedienten), ebenso wie er sich entschieden gegen das absolutistische >Ancient regime< aussprach.

Stirner war wohl niemals Utopist wie seine Kameraden in Berlin, die mit Karl Marx und Friedrich Engels kooperierten oder wenigstens in enger Verbindung standen. Stirner lehnte selbst den Kommunismus, respektive den utopischen Sozialismus aller erdenklichen Schattierungen, ab. Weltverbesserung, die Verwirklichung einer idealen Ordnung, galt ihm als unrealisierbar, ja als Kennzeichen eines jugendlich- idealistischen bzw. infantilen, jedoch keinesfalls reifen Geistes.

Stirner kannte in Wahrnehmung, Denken und Handeln 3 Lebensphasen: die des Knaben, die des Jünglings und die des gereiften, desillusionierten und pragmatisch verfahrenden Mannes. „Den Mann scheidet es vom Jüngling“, so Stirner, „daß er die Welt nimmt, wie sie ist, anstatt sie überall im Argen zu wähnen und verbessern, d.h. nach seinem Ideale modeln zu wollen; in ihm befestigt sich die Ansicht, daß man mit der Welt nach seinem Interesse verfahren müsse, nicht nach seinen Idealen“ meint Stirner in der 1. Abteilung >Der Mensch< seines Hauptwerkes. Wie er von drei Lebensstadien sprach, so auch von drei Konditionierungen, die er „Negerhaftigkeit“, „Mongolenhaftigkeit“ und „Kaukasischen Geist“ taufte.

Hinter allem, selbst hinter vermeintlicher Uneigennützigkeit, stecke nach Stirner der Eigennutz, galt doch Stirner selbst die Gemeinnützigkeit als Form des Eigennutzes und als Behinderung wahrhaftiger Individualität, die hier im strengsten Sinne synonym zu setzen ist mit Egozentrik (das Kreisen um sich selbst und persönliche Interessen, Triebe und Neigungen, also die Mittelpunktsfunktion des >Ich< in allen Lebensbereichen). Er nannte dies „unfreiwilligen Egoismus“.

Alles, was nicht auf der Persönlichkeit, sondern auf dem Unpersönlich- Kollektiven, d.h. auf Kollektivismus gründet (Das organisierte Kollektiv ist eigentlich notwendigerweise hierarchisch geordnet, d.h. organisch, in Herren mit Hoheitsrechten und Verlierern mit Untertanenpflichten !), bedeutete Stirner nichts als >Rhetorik< und wurde von ihm daher in Anbetracht des Wesens dieser Welt, als Täuschung, Selbsttäuschung und unerkannter, verhohlener Egoismus gegenüber dem natürlichen Egoismus, d.h. den Lebensinteressen des Individuums aufgefasst, die Stirner (gegenüber den kollektiven Interessen, den Interessen der Spezies, Völker und Stände) als einzig legitim anerkannte und pragmatisch rechtfertigte. So erkannte er hinsichtlich der politökonomischen Welt auch keine Begriffe wie >Nationaler Wille< oder > Menschheit<, ja nicht einmal den des >Menschen< (als abstraktem Bild) an, einen Begriff, den er zugunsten des >Ich< (Jedes >Ich< d.h. >Selbst< wurde von ihm indirekt gegen jeden Kollektivismus in Schutz genommen !) ablehnte.

Den Ausgangspunkt all seiner Betrachtungen in >Der Einzige und sein Eigentum< bildet Hegels Philosophie, deren Schwächen er trotz eines gewissen Respektes aufzeigt. Hegel lobt er in diesem Buch immerhin als jemanden, der Abscheu vor den hohlen Theorien der Ideologen bewiesen und Ordnung ins Chaos der Begriffe gebracht hätte. Stirner kannte auch gut die Arbeiten des drei Jahre jüngeren französischen Ökonomen und Sozialkritikers Pierre Joseph Proudhon. (1809- 1865; Proudhon prägte den Slogan >Eigentum ist Diebstahl<, was er u.a. folgerichtig von dem lateinischen Begriff >privare< herleitete, welcher das Übergehen von Allgemeingut in den Besitz des Einzelnen bezeichnet. Streng genommen handelt es sich dabei um den Raub von Naturgut. Durch die zivilisatorische Entwertung der Natur und der Erde zur Sache, zum Sachwert, wurde diese als auch ihre anorganischen Stoffe und organischen Lebensformen nach Proudhon zu >herrenlosem Besitz<, ja zu bloßen >Ressourcen<, also nutzbaren Mitteln. Menschen töten nun Menschen zur Verteidigung des von der Natur Geraubten. Einen der wichtigsten Unterschiede des Denkens zwischen >Naturmenschen< und >Zivilisationskreaturen<; d.h. den von Oswald Spengler als "späten Menschen" begriffenen Hominiden primär westlicher Artung; bildet die Erfassung des Wesens der Natur. Ein Teil der „zivilisierten“ Menschheit begreift allmählich; allerdings, so scheint es uns, zu spät; daß die Natur einen lebendigen Organismus bildet, der das gesamten Menschentum, also die >Menschheit< schlechthin, einschließt und mit dessen Ende auch die Menschen selbst als Spezies ihr Ende finden. Das Überleben der zivilisierten wie unzivilisierten Menschheit hängt davon ab, ob die sprichtwörtliche Liquidation der heutigen Eliten gelingt bzw. wann die kapitalistische Zivilisation kollabiert und was sich dann noch an Leben in qualitativer Hinsicht erhalten hat. Die Denkfehler der sozialistischen Utopisten des 19. und 20. Jahrhunderts gründen freilich in einer horizontalen Weltwahrnehmung und Denkperspektive.)

Proudhon seinerseits bezog sich jedoch selbst nach Erscheinen des >Einzigen< niemals irgendwie auf Stirner, was freilich wenig bedeutet, da die Majorität der französischen Intellektuellen des 19. Jahrhunderts aufgrund tradierter Animositäten (z.B. wegen Gebietsstreitigkeiten von Franzosen und Deutschen) sowie aufgrund der Allgegenwart des politisch intrumentalisierten Medienzerrbildes des eroberungswütigen, germanischen Barbaren während der französischen Kaiserzeit und der durchgehend desolaten bourgeoisen Republik, eine immense Germanophobie kultivierte und in dem Wahne, selbst Nachfahren der alten Römer oder auch gelegentlich der Kelten (nach den Schriften von Männern wie Gajus Julius Cäsar) darzustellen, d.h. aus identitären Motiven, die „Teutonen“ unbedingt hassen und all´ ihr Denken und Streben geradezu zwanghaft abwerten musste. (Die meisten germanophoben französischen Intellektuellen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bishin zu den politischen Extremisten, wie bsw. Charles Maurras (1868- 1952) als Führer der rechtsextremen royalistischen >Action Francaise<, waren selbst nie in Deutschland und besaßen zudem auch keine echten Kenntnisse über die deutsche Kultur, geschweige denn die deutsche Geisteskultur jenseits diverser Aufklärer wie Kant und Hegel!)

Anders als Carlo Michelstaedter (1887- 1910), der in Anlehnung an Friedrich Nietzsche (1844- 1900) in der vorsokratischen Epoche ein Dasein, eine Kultur der „Überzeugung“ (dies meint das unmittelbare Erfassen der Wahrheit, die Konvergenz von Denken und Handeln), der tiefen, authentischen Spiritualität, der wahren Gottgläubigkeit und Integrität wahrnahm (und demgemäß das neuzeitliche Denken kategorisch verwarf), spricht Stirner (der Metaphysik und Religion schlicht mit Unwissenheit und Abglauben gleichsetzte) von der „Überwindung der antiken Sakralität“ als eines „Sieges der individuellen Vernunft“ (Den kosmopolitischen schweizer Philosophen Jean Gebser führte diese Auffassung später zu einer Evolutionstheorie des Bewußtseins!), eines Sieges über die >absolute Idee<, der quasi den „ersten fortschrittlichen Akt“ darstelle.

Stirner fokussierte die Geistesdiktatur, auf deren Grundlage jede politische und ökonomische Herrschaft, Knechtschaft und Ausbeutung beruht. Insofern war ihm die Religion per se ebenso wie der gesellschaftlich etablierte Kult um die „Heiligkeit des Menschenlebens“ (Humanität), bereits Herrschaftsinstrument, gegen das er als Fürsprecher des konkreten menschlichen Individuums aufbegehren mußte. „Es wäre töricht zu behaupten, es gäbe keine Macht über der meinigen.

Nur die Stellung, welche Ich Mir zu derselben gebe, wird eine durchaus andere sein, als sie im religiösen Zeitalter war: Ich werde der Feind jeder höheren Macht sein, während die Religion lehrt, sie Uns zur Freundin zu machen und demütig gegen sie zu sein. Der Entheiliger spannt seine Kraft gegen jede Gottesfurcht, denn Gottesfurcht würde ihn in allem bestimmen, was er als heilig bestehen ließe. Ob am Gottmenschen der Gott oder der Mensch die heiligende Macht übe, ob also etwas um Gottes oder um des Menschen (der Humanität) willen heilig gehalten werde, das ändert die Gottesfurcht nicht, da der Mensch so gut als >höchstes Wesen< verehrt wird, als auf dem speziell religiösen Standpunkte der Gott als >höchstes Wesen< unsere Furcht und Ehrfurcht verlangt, und beide uns imponieren.

Die eigentliche Gottesfurcht hat längst eine Erschütterung erlitten und ein mehr oder weniger bewußter >Atheismus<, äußerlich an einer weitverbreiteten >Unkirchlichkeit< erkennbar, ist willkürlich Ton geworden. Allein, was dem Gott genommen wurde, ist dem Menschen zugesetzt worden und die Macht der Humanität vergrößerte sich in eben dem Grade, als die der Frömmigkeit an Gewicht verlor: >der Mensch< ist der heutige Gott und Menschenfurcht an die Stelle der alten Gottesfurcht getreten.“ (Max Stirner, >Der Einzige und sein Eigentum<, 2. Abteilung, II. >Der Eigner<) >Menschenfurcht< ist also an die Stelle der alten >Gottesfurcht< getreten, eine abstrakte Menschheit wurde in der Moderne zum Götzen der Massen erhoben, wobei auch in diesem Sachverhalt (Anthropozentrismus) Narzißmus enthalten ist, insofern die Menschenmasse ihr eigenes, wenngleich verzeichnetes (abstrahiertes) Abbild anbetet, was gewisse Kulturphilosophen als „Anthropozentrismus“ begreifen oder deklarieren. Die auf die Religion folgenden Lehren, die Philosophen, Ethiker und Vertreter des Bürgertums ersannen, haben jedenfalls nach Stirner für das Individuum zu keiner Verbesserung seiner Existenz geführt.

In der Welt der bourgeoisen Welt und >Rhetorik< steht nicht die Verbesserung der Lebensumstände konkreter menschlicher Wesen (wie dies verschiedene Sozialutopisten der bürgerlichen Sphäre des 19. Jahrhunderts anhand der von bürgerlichen Historikern behaupteten Zustände des Mittelalters und Ancient Regimes für eine bessere zukünftige Welt gemäß einer progressiven Geschichtssicht proklammierten) und damit eine qualitative, anagogische Bindung und Förderung des Menschentums über seine Einzelwesen im Mittelpunkt, sondern die schlichte rhetorische Aufwertung >des Menschen<, d.h. der Gattung (in abstraktem, egalitärem, freimaurerischem Sinne), also der menschlichen Spezies im Denken; d.h. es handelt sich um eine Absolutsetzung >des Menschen< (als Spezies und Abstraktum) über das (konkrete) zeitliche Individuum.

Dieser geistige Konsens, den faktisch einige wenige Rationalisten und Materialisten der westlichen Welt durch eine Usurpation des Bildungswesens im Gefolge der Aufklärung und der bürgerlichen französischen Revolution von 1789 bewirkten, basiert für Stirner auf nichts als auf Rhetorik und bewirkt nichts anderes als Unfreiheit für das Individuum, und zwar im selben Maße wie zuvor (Ancien Regime = Absolutismus) der allgegenwärtige religiöse christliche Dogmatismus.

„Unter mancherlei Wandlungen wurde aus dem heiligen Geiste mit der Zeit die >absolute Idee<, welche wieder in mannigfaltigen Brechungen zu den verschiedenen Ideen der Menschenliebe, Vernünftigkeit, Bürgertugend u.s.w. auseinander schlug…. Begriffe sollen überall entscheiden, Begriffe das Leben regeln, Begriffe herrschen. Das ist die religiöse Welt, welcher Hegel einen systematischen Ausdruck gab, indem er Methode in den Unsinn brachte und die Begriffssatzungen zur runden, festgegründeten Dogmatik vollendete. Nach Begriffen wird alles abgeleiert und der wirkliche Mensch, d.h. >Ich< werde nach diesen Begriffsgesetzen zu leben gezwungen. Kann es eine ärgere Gesetzesherrschaft geben und hat nicht das Christentum gleich im Beginne zugestanden, daß es die Gesetzesherrschaft des Judentums nur schärfer anziehen wolle? (Stirner meint kanonische Jesus Aussprüche wie: >Nicht ein Buchstabe des Gesetzes soll verloren gehen !< oder: >Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen!< etc. / Anmerkg. Pletat) Durch den Liberalismus wurden nur andere Begriffe aufs Tapet gebracht, nämlich statt der göttlichen menschliche, statt der kirchlichen staatliche, statt der gläubigen >wissenschaftliche< oder allgemeiner statt der >rohen Sätze< und Satzungen, wirkliche Begriffe und ewige Gesetze.“ (Max Stirner >Der Einzige und sein Eigentum<, 1. Abteilung, Kap. >Die Hierarchie<)

Des weiteren: „Um ein guter Christ zu sein, braucht man nur zu glauben und das kann unter den drückendsten Verhältnissen geschehen. Daher sorgen die christlich Gesinnten nur für die Frömmigkeit der gedrückten Arbeiter, ihre Geduld, Ergebung u.s.w. All ihr Elend konnten die unterdrückten Klassen nur so lange ertragen, als sie Christen waren: denn das Christentum lässt ihr Murren und ihre Empörung nicht aufkommen.“ (Max Stirner >Der Einzige und sein Eigentum<, 1. Abteilung, Kap. >Der soziale Liberalismus <)

Wir sehen, daß Stirner die institutionalisierte Religion ebenso; - wenn nicht sogar primär; für die Unfreiheit der Menschen verantwortlich machte, wie politische Verbände und staatliche Institutionen, die säkulare Lehren als Dogmen zu verewigen trachten. Stirner galten die Gattung bzw. Spezies >Mensch<, ebenso wie diverse nationale und religiöse (somit grundsätzlich kollektive) Identitäten, nichts. „Wie nahe liegt die Meinung, daß >Mensch< und >Ich< dasselbe sagen, und doch sieht man... dass der Ausdruck >Mensch< ... die Gattung bezeichnen soll, nicht das vergängliche, einzelne Ich... Allein die Gattung ist nichts, und wenn der Einzelne sich über die Schranken seiner Individualität (des >Menschseins<) erhebt, so ist dies vielmehr gerade Er selbst als Einzelner, er ist nur, indem er sich erhebt, er ist nur, indem er nicht bleibt, was er ist; sonst wäre er fertig, tot. >Der Mensch< ist nur ein Ideal, die Gattung nur ein Gedachtes. Ein Mensch sein, heißt nicht das Ideal des Menschen erfüllen, sondern sich (selbst), den Einzelnen, darstellen. Nicht, wie ich das allgemein Menschliche (den Inhalt einer fiktiven, rhetorisch- abstrakten Menschlichkeit ! / Anmerkg. Pletat) realisiere, braucht meine Aufgabe zu sein, sondern wie Ich Mir selbst genüge. Ich bin meine Gattung, bin ohne Norm, ohne Gesetz, ohne Muster und dergleichen. Möglich, daß Ich aus Mir sehr wenig machen kann; dies Wenige ist aber Alles und ist besser, als was Ich aus Mir machen lasse durch die Gewalt Anderer, durch die Dressur der Sitte, der Religion, der Gesetze, des Staates u.s.w.“ (Max Stirner, >Der Einzige und sein Eigentum<, 2. Abteilung, II. >Der Eigner<)

Der einheitliche, genormte Mensch, den die Humanisten so gern beschwören, existiert in Wahrheit nicht, somit auch keine Gleichartigkeit und Gleichwertigkeit unterschiedlicher Zweige und Klassen der Menschheit. >Der Mensch< existiert lediglich begrifflich, als Abstraktum, wie parallel zu Max Stirner auch viele andere große Kulturdenker befinden oder zeitlich vor uns befanden, so bsw. ein Othmar Spann oder etwa auch der prominentere deutsche Kulturphilosoph Oswald Spengler, Traditionsdenker wie Rene´ Guenon, Julius Evola und Frithjof Schuon und nicht zuletzt auch herausragende Wissenschaftler wie bsw. Alexis Carrel, Carl Gustav Jung und Konrad Lorenz. (Man lese hierzu vor allem das 1. und 2. Kapitel von Alexis Carrels Buch >Man- the unknown< und Frithjof Schuons >De l´ unité transcendante des religionsLe Grand Remplacement< von 2011 aus.)

Die Gesellschaft als künstlicher (und keineswegs im Sinne eines Jean- Jacques Rousseau „natürlicher“) Kosmos sucht das Individuum zu einem bloßen Werkzeug der Gesamtmaschinerie zu degradieren indem zwischen den einzelnen Individuen eine größtmögliche Gleichheit (gleiche Rechte und Pflichten etc.) erzielt wird. Dies trifft in besonderem Maße auf die moderne bürgerliche Gesellschaft zu, die im Grunde nur die letzte Konsequenz der unzähligen plebejischen Revolutionen in der Geschichte repräsentiert. Die Idee >des Menschen< und der >Menschheit< beruht auf einem abstrakten Denken, zudem auf einem höchst subjektiven plebejisch- horizontalen Dogmatismus unter Verengung der Wahrnehmung bei Ausschließung nahezu aller individuellen (und metaphysischen) Qualitäten, also Fähigkeiten und Phänomene. In diesem Zusammenhang und bezüglich der Verirrungen der intellektualistischen Kritik des 19. Jahrhunderts schrieb Stirner: „Es kritisiert Jeder, aber das Kriterium ist verschieden... Der Kritiker geht von einem Satze, einer Wahrheit, einem Glauben aus. Dieser ist nicht eine Schöpfung des Kritikers, sondern des Dogmatikers, ja er wird sogar gewöhnlich aus der Zeitbildung ohne Weiteres aufgenommen, wie z.B. >die Freiheit<, >die Menschlichkeit< u.s.w. Der Kritiker hat nicht >den Menschen gefunden<, sondern als >der Mensch< ist diese Wahrheit vom Dogmatiker festgestellt worden und der Kritiker, der übrigens mit jenem dieselbe Person sein kann, glaubt an diese Wahrheit, diesen Glaubenssatz. In diesem Glauben und besessen von diesem Glauben kritisiert er. Das Geheimnis der Kritik ist irgendeine >Wahrheit< : diese bleibt ihr emergierendes (ersichtliches / P.) Mysterium.“ (Max Stirner, >Der Einzige und sein Eigentum<, 2. Abteilung, II.3. >Mein Selbstgenuss<)

Mit dieser Position steht Stirner keineswegs gleich einem gesellschaftlichen oder intellektuellen Paria allein. Schon Goethe äußerte einst analog: „Die Menschheit ? Das ist ein Abstraktum. Es hat von jeher nur Menschen gegeben und wird nur Menschen geben.“ (→ In Oswald Spenglers >Untergang des Abendlandes<, Einleitg.) Die Unlogik der Rhetorik vom >Menschen<, >der Menschheit< u.s.w., gründet faktisch in einem fehlerhaften operativen Denken. Das Denken als solches wird seit alters her von Dogmatikern zum Subjekt erhoben, gleichsam der >Menschheit<, der >Natur< (die tatsächlich nur eine Vielzahl organischer Wesenheiten und ihre Korrelationen bezeichnet), der >Evolution< (z.B. die „Evolution gestaltete...“ u.s.w., wobei die "Evolution" als Gedanke allerdings auf nichts als Naturdeutungen und Rhetorik basiert !), der >Würde< etc.; Begriffe, die das Leben, d.h. das Handeln der Menschen nach dem Willen der Mächtigen also menschlichen Eliten, grundlegend determinieren sollen.

Stirner gelang mit dieser Analyse, dieser geistigen Operation, faktisch ein epochaler und bis heute von Dogmatikern aller Colleur selbstverständlich vollkommen mißachteter Durchbruch im Sinne einer tiefgreifenden geistigen Emanzipation, welche bereits in Richtung Arthur Schopenhauer und sogar Friedrich Nietzsche wies oder weist. Aus der Subjektivität, dem Willen bestimmter Kreaturen, wie bsw. der Aufklärer des 18. Jahrhunderts, in ihrem erbitterten Kampfe gegen eine religiöse Weltanschauung und eine religiös wie klerikal bestimmte Gesellschaft, erwächst über die rationalistisch- abstrahierende Rhetorik die kollektive Geistesdiktatur. Stirner skizziert dies ausgehend von der Spätantike (seit der "Ionischen Aufklärung" und dem Hellenismus), deren Grundcharakter er treffend zeichnet, über das Christentum bishin zum neuzeitlichen Rationalismus, worin ihm wissentlich oder unwissentlich etliche herausragende Kulturdenker (wie bsw. Carlo Michelstaedter) folgten.

Das Denken als Subjekt, als „handelnde Persönlichkeit, wie schon die Pflanze eine solche ist“ wird in den dogmatischen Lehren aller Zeitalter ebenso gedanklich von den Individuen isoliert, wie andere Begriffe, die mehr oder weniger willkürlich Quantitäten, Lebens- und Erscheinungsformen wie Verhaltensweisen bezeichnen und derart abstrakt zu beschreiben suchen. In Wahrheit existiert keine Evolution, die irgend etwas kraft einer Eigenpersönlichkeit bewirken könnte, noch eine Natur oder ein Wachstum, die aktiv Entwicklungen herbeizuführen vermögen, denn diese bilden nichts als Begriffe, die Prozesse, Lebensformen oder auch bsw. symbiotische Einheiten (Mehrheiten, geistig dishomogene Mengen) bezeichnen und primär dazu genutzt werden, übereinstimmende Auffassungen in der menschlichen Gesellschaft zu erzielen bzw. kraft des staatlichen Bildungssystems in Verbindung mit materieller Gewaltausübung zu erzwingen.

Das Denken ist jedoch faktisch kein >Subjekt<, sondern bildet vielmehr eine >Fähigkeit<, eine >Eigenschaft< einzelner Menschen, d.h. von Individuen, ist also in letzter Konsequenz immer auf Einzelwesen bzw. Persönlichkeiten (und persönliche Geister und Seelen) zurückzuführen, da die Gattung als solche nur die potentielle Fähigkeit des logischen Denkens aufweist, konkretes qualitatives Denken sich aber stets nur durch Individuen offenbart oder kundgibt. Aber, weil das Einzelwesen in seiner Wahrnehmung und seinen Möglichkeiten der Informationsverwertung eine höchst notwendige Begrenzung erfährt, sind letztlich auch seine bewussten Ideen und seine Terminologie (Sprache) gegenüber der Lebenswirklichkeit unzulänglich und bestenfalls Annäherungen an die Realität.

Aus diesem Grunde sind auch alle kollektivistischen Postulate, die Individuen götzenhaften („heiligen“) Begriffen dienstbar machen, anfechtbar. Stirner konstatiert, daß selbst die größten Denker und große Aufklärer wie Hegel in den selben Fehler verfallen, gewissen Vorgängen und Eigenschaften ein Eigenwesen zuzusprechen. „Im Hegelschen System wird immer so gesprochen, als dächte und handelte das Denken oder >der denkende Geist<, d.h. das personifizierte Denken, das Denken als Gespenst...“ (ebenda) Wie das >Denken<, die >Natur<, die >Menscheit< u.s.w. kein eigenständiges Dasein (Subjektiven Geist und Persönlichkeit) besitzen, so generell alle Ideen (Vorstellungen, Klassifikationen, Annahmen wie die Realität beschaffen ist), da Begriffe zunächst einmal nur artikulierte, artikulierbare Ideen (= Vorstellungen, Beschreibungen, Auffassungen, Annahmen), d.h. diesen synonym zu setzen sind. „Dein Denken hat nicht >das Denken< zur Voraussetzung, sondern Dich“ (ebenda) und „Keine Idee hat Dasein, denn keine ist der Leibhaftigkeit fähig“ (>Der Einzige< 2. Teil, III) so Stirner.

 Vor dem Denken existiert das Individuum mit dessen Denkorgan und da die Wesen im Grunde alle verschiedene Fähigkeiten, Wertigkeiten oder Qualitäten aufweisen, bedeutet jedwede geistig-soziale Nivellierung nicht nur ein Unrecht am Einzelnen, wie es bereits Aristoteles ausdrückte, - sowie überdies Unterdrückung des Einzelnen, sondern beruht vor allem auf einem Wahn, einem „Spuk“, einem Irrsinn (Nichtübereinstimmung mit der Lebenswirklichkeit bzw. kosmischen Realität). Und so sind demnach durchweg alle kollektiven, d.h. alle gemeinverbindlichen sozialen (kollektivistischen) Ideen; - sei es nun die Lehre der christlichen Erbsünde, die Idee von Gut und Böse, von Gott und Teufel etc. bishin zur Idee stetigen Menschheitsfortschritts oder die Idee des kommunistischen Weltarbeiterparadieses; zunächst oder primär nichts anderes als Herrschaftsmittel. Diese Erkenntnis rückt Stirner in die Nähe Nietzsches, bzw. richtiger umgedreht den jüngeren Nietzsche in geistige Nähe zu Stirner, den faktisch radikalsten aller Umwerter und als Todfeind aller künstlichen, außerhalb jedes konkreten Individuums liegenden „Werte“, die in letzter Konsequenz nichts als Ideenkonstrukte oder Ideenkomplexe bilden. „Ich bin aber nicht ein Ich“, so Stirner, „sondern das >alleinige Icheinzige Ich< nehme Ich Mir alles zu eigen, wie >Ich< nur als dieses >Mich< bestätige und entwickle. Nicht als Mensch und nicht >den Menschen< entwickle Ich, sondern als >Ich< entwickle Ich- Mich. Dies ist der Sinn des Einzigen.“ (Max Stirner, >Der Einzige und sein Eigentum< 2. Abteilung, II.3. >Mein Selbstgenuss<)

Massen denken nicht, wie uns bereits Gustave le Bon (1841- 1931; Autor der sozialpsychologischen Studie >Psychologie der Massen< von 1895) lehrt, sondern handeln reaktiv und widersprüchlich. Einzig dem Einzelnen ist es bei überdurchschnittlichem (d.h. über die Masse hinausragendem) Verstande gegeben, wahrhaftige geistige Individualität, also eine aus sich selbst schöpfende, kreative Persönlichkeit, zu erschaffen. 

Die >Menschheit<, bei Stirner synonym mit >dem Menschen<, ist nicht wirklich als homogene geistige Wesenheit, d.h. als souveräne, autonome Persönlichkeit existent, sondern bezeichnet lediglich eine biologische Gattung vegetations- kultur- und wahrscheinlich sogar ethnisch bedingter Konditionierungen, die man nach unterschiedlichen Parametern entweder als >Zivilisiertheit< oder als >Unzivilisiertheit< begreift oder klassifiziert.

Das individuelle, d.h. persönliche Denken und - Empfinden, bildet den wirklichen Wert, vor allem das Denken, welches trotz einer gewissen Abhängigkeit gegenüber der Kultur als einer Generationen übergreifenden kollektiven Schöpfung, seine eigenen Wege geht und eigene Wahrheiten findet, dementsprechend auch autonome oder subjektive Werte, Entdeckungen und Kreationen zu verteidigen hat. „Allein zum Denken wie zum Empfinden, also zum Abstrakten wie zum Sinnlichen brauche Ich vor allen Dingen >Mich<, diesen ganz Bestimmten, Mich diesen Einzigen. Wäre >Ich< nicht dieser, z.B. Hegel, so schaute >Ich< die Welt nicht so an, wie ich sie anschaue, >Ich< fände aus ihr nicht dasjenige philosophische System heraus, welches gerade >Ich< als Hegel finde u.s.w. Ich hätte zwar Sinne wie die andern Leute auch, aber >Ich< benutzte sie nicht so, wie >Ich< es tue.“ (Max Stirner, >Der Einzige und sein Eigentum<, 2. Abteilung, II.3. >Mein Selbstgenuß<) Die Befreiung der Menschen, damit des Einzelmenschen, verläuft ausschließlich über die Loslösung vom Bild und heiligen Glaubenssatz >des Menschen<, also einer fiktiven, abstrakten Menschheit. „Der Zauberkreis... wäre gebrochen, wenn die Spannung zwischen Existenz und Beruf, d.h. zwischen Mir, wie Ich bin, und Mir, wie Ich sein soll, aufhörte; er besteht nur als die Sehnsucht der Idee nach ihrer Leiblichkeit und verschwindet mit der nachlassenden Trennung beider..“( Max Stirner >Der Einzige und sein Eigentum< 2. Abteilung, III. >Der Einzige<)