>Der Mensch<, den die religiösen wie die agnostischen Humanisten, desweiteren die Demokraten (jene, die aufgrund eines abstrakten Menschenbildes der Masse vor dem Einzelnen stets den Vorzug geben und das Recht zuerkennen) und anthropozentrische Doktrinäre aller Art so gern beschwören, existiert de facto nicht. Und lediglich der >Unmensch<, der Sonderling, -die sich von der blöckenden Herde absondernde, auf eigene Kraft und Fähigkeiten bauende (Einzel-) Persönlichkeit (die zugleich die einzige wahrhaftige Persönlichkeit auf Erden darstellt, insofern sich Individualität nur qualitativ in Vereinzelung kundgibt), ist nach Stirner wirklicher Mensch, da auf ihn im idealen Fall (d.h. bei voller Bewusstheit und Ehrlichkeit) der Inhalt der abstrakten >Menschlichkeit<, also >des Menschen< nicht zutrifft, er in allem seine Individualität behauptet und nichts auf Konformität und auf Postulate „Menschlichkeit“ gibt.

Aus diesem Grunde bekämpfen die Staaten oder Regime, die eine größtmögliche Einheitlichkeit unter den hominiden Wesen der Erde herzustellen bemüht sind (und dies sind alle egalitären demokratischen, nationalistischen wie sozialistischen Systeme), alle Absonderlichkeiten, d.h. das echte >Mensch sein<, das gewissermaßen zusammenfällt mit >Unmenschlichkeit<, nämlich inform einer Emanzipation von egalitären Dogmen und Gesetzen, welche die bourgeoise wie proletarische Sphäre im besonderen Maße fundamentieren. (Siehe: Max Stirner >Der Einzige und sein Eigentum< 2. Abteilung, II. >Der Eigner< !)

Die Normierung und Norm des Verhaltens, die Gesellschaften durch Unterdrückung des wahren individuellen psychoemotionalen und geistigen Menschseins, d.h. der individuellen Charaktere und Interessen im Rahmen bestimmter (religiöser und ethischer) Konditionierungen zu erhalten bestrebt sind, entspricht konkret sowie in letzter Konsequenz dem geistlosen Herdenleben (politisch: der Demokratie), d.h. dem (vegetativen) Tierdasein. Wir ersehen ganz klar aus Stirners Erörterung des Konfliktes und Antagonismus von Gesellschaft und Individuum, daß gerade die gesellschaftliche Moral und das Gesetz Dinge darstellen, die in der bürgerlichen Gesellschaft keineswegs auf einem natürlichen Recht, noch durchweg auf Gerechtigkeit oder gar auf höherer Weisheit und Moral basieren, ja, die Moral an sich stellt offenkundig etwas dar, das Stirner als Gemeinverbindlichkeit grundsätzlich ablehnt. „Ihr (Vertreter der "Menschheit", des Staates sowie jedweder kollektiven Uniformität / P.) wollt gegen die Andern (die Einzelwesen und die Vertreter des Individualismus / P.) im Rechte sein. Das könnt Ihr nicht, gegen sie bleibt Ihr ewig >im Unrecht<; denn sie wären ja eure Gegner nicht, wenn sie nicht auch in >ihrem Rechte< wären: sie werden Euch stets >Unrecht geben<" konstatiert Stirner hinsichtlich einer Welt, in der unabhängig von der Existenz eines Schöpfers scheinbar Fressen und Gefressen werden sowie die Macht der Gewalt (Besitz von Kraft, Mitteln und Menschen) alles sind.

Stirner ist wohl der erste bedeutende neuzeitliche Philosoph, der sich kategorisch gegen jedes Gattungsrecht, gegen jede Anbetung oder Vergötzung des Gattungsmotivs wendet und grundsätzlich jedwede Verpflichtung des Einzelnen gegenüber der Umwelt ablehnt. Natürlich kann es bei universaler konsequenter Verwirklichung von Stirners Ideen keine Kultur und Zivilisation geben, aber man muß wohl dennoch einmal seine Perspektive einnehmen, um zu erkennen, was die menschliche Gesellschaft grundsätzlich an Individuen bewirkt und wie es diese für zum Teil fragwürdige Unternehmungen ausnutzt und ausbeutet !

Stirner stellt die Wesensverwandtschaft der herrschenden neuzeitlichen Ideologien und Strömungen wie Demokratismus, Liberalismus, Sozialismus, Kommunismus usw. mit dem Christentum fest, welches seit jeher von einem Abstraktionismus und Utopismus zehrt, welche das Einzelwesen versklaven und erniedrigen. Darum gilt es für Stirner, alle erdenklichen Formen von Gottes-, Geister- und Engelsglaube, d.h. alle metaphysischen Spekulationen und Trugbilder, hinwegzufegen, Religion und Metaphysik unterschiedslos zu bekämpfen. Stirner verwirft (in seinem Hauptwerk) den Gedanken an ein jenseitiges Leben, an Götter, an eine Anrechnung der guten und schlechten Taten nach dem Tode.

Er glaubt hingegen an die Wirksamkeit differenter Entwicklungen und quasi evolutionärer Mentalitäten und propagiert diesbezüglich drei geistig- kulturelle Entwicklungsstufen (Stadien), nämlich die der >Negerhaftigkeit<, die er in den antiken Staaten wahrnimmt, so bsw. in Ägypten; dann die der Mongolenhaftigkeit (Asiatentum), die er stark im Christentum ausgeprägt findet; und schließlich die Stufe eines reinen Kaukasiertums (geistige Wachheit und Skeptizismus), das noch nicht umfassend verwirklicht worden sei und eine völlige Distanz zur Religiosität und Unterwürfigkeit des Menschen bedeute. „Die Weltgeschichte, deren Gestaltung eigentlich ganz dem kaukasischen Menschenstamm angehört, scheint bis jetzt zwei kaukasische Weltalter durchlaufen zu haben, in derem ersten Wir Unsere angeborene Negerhaftigkeit aus - und abzuarbeiten hatten, worauf im zweiten die Mongolenhaftigkeit (das Chinesentum) folgte, dem gleichfalls endlich ein Ende mit Schrecken gemacht werden muß.

Die Negerhaftigkeit stellt dar das Altertum, die Zeit der Abhängigkeit von den Dingen (vom Hahnenfraß, Vögelflug, vom Niesen, von Donner und Blitz, vom Rauschen heiliger Bäume u.s.w.); die Mongolenhaftigkeit die Zeit der Abhängigkeit von Gedanken, - die christliche (Zeit). Der Zukunft sind die Worte vorbehalten: Ich bin Eigner (Eigentümer) der Welt der Dinge, und Ich bin Eigner der Welt des Geistes…. Erst dann hat der Mensch das Schamanentum und seinen Spuk überwunden, wenn er nicht bloß den Gespensterglauben, sondern auch den Glauben an den Geist abzulegen die Kraft besitzt, nicht bloß den Geisterglauben, sondern auch den Geistesglauben.“ (Max Stirner, >Der Einzige und sein Eigentum<, 1. Abteilung, >Die Hierarchie<)

Stirner, der sich hier als konsequenter Atheist entpuppt, entdeckt bei seinem Resümee über die Weltgeschichte, die Spätantike, die katholische Kirche, den Adel und die aufstrebende bürgerlich- kapitalistische Gesellschaft des Westens, als erstes den >Sieg des Geistesoberen MächteDer Einzige und sein Eigentum<, Abteilung I, >Ein Menschenleben<) Und: „Was ist nun der Geist? Er ist der Schöpfer einer geistigen Welt. Auch an Dir und Mir erkennt man erst Geist an, wenn man sieht, daß wir Geistiges Uns angeeignet haben… So ist auch der Geist nur, wenn er Geistiges schafft: er ist nur mit dem Geistigen, seinem Geschöpfe, zusammen wirklich.“ (Max Stirner, >Der Einzige und sein Eigentum<, 1. Abteilung, >Der Geist<)

Der Geist der Menschen (im Sinne Stirners nicht „der“ menschliche Geist, sondern >die< Geister der Menschen !) ist etwas, das zur Emanzipation der Menschen von Aberglauben, Kollektivismus und Sklaverei weiter entwickelt werden muß. Stirners Rhetorik bemüht hierzu wie die Aufklärer grundsätzlich das logische Denkvermögen seiner Leser, doch gelangt er mitunter an die Grenzen seiner sprachlichen Fähigkeiten, vielleicht auch deshalb, da bei ihm der Gedanke der Erlösung des >Ich< (in jedem Individuum) einen zwanghaften Charakter aufweist. Er bedient sich partiell einer poetischen, allegorischen Sprache, die allerdings nicht die gleiche Wirkung erzielt wie die späterer „Feuergeister“, so etwa Friedrich Nietzsche oder Oswald Spengler; ein wesentlicher Grund, warum Stirner heutzutage wenig bekannt und seine Schriften weitaus weniger gefragt sind als erstere Denker.

Dennoch: Kraft titanischen Geistes erklärt Stirner wie kein zweiter die Philosophen, sowohl die antiken, als auch die christlichen und neuzeitlichen, indirekt als gescheitert, dies vollzieht er freilich so, als stände er als neutraler Beobachter völlig außerhalb der Gesellschaft und des Bildungssystems seiner Zeit, denn er verwirft auf Grundlage eines sonderbaren Progressivismus; dessen Profiteur nicht eine bzw. die ominöse >Menschheit<, sondern vielmehr das Individuum ist; wirklich alle Grundlagen der westlichen Zivilisation und des westlichen, somit "abendländischen" Denkens. „Alle Weisheit der Alten ist Weltweisheit, alle Weisheit der Neuen ist Gottesgelehrtheit. Mit der Welt wurden die Heiden (auch Juden hierunter) fertig; aber nun kam es darauf an, auch mit sich, dem Geiste, fertig, d.h. geistlos oder gottlos zu werden.

Fast zweitausend Jahre arbeiten Wir daran (Das >Wir< meint selbstverständlich einzelne Menschen sowie Generationenglieder! / Anmerkg. P.), den heiligen Geist Uns zu unterwerfen, und manches Stück Heiligkeit haben wir allgemach losgerissen und unter die Füße getreten; aber der riesige Gegner erhebt sich immer von Neuem unter veränderter Gestalt und Namen. Sollte man nicht meinen, jetzt könnte Jeder den heiligen Geist besitzen, die Idee der Menschheit in sich aufnehmen, das Menschentum in sich zur Gestalt und Existenz bringen?

Nein, der Geist ist nicht seiner Heiligkeit entkleidet und seiner Unnahbarkeit beraubt, ist Uns nicht erreichbar, nicht Unser Eigentum; denn der Geist der Menschheit ist nicht Mein Geist… Unter mancherlei Wandlungen wurde aus dem heiligen Geiste die >absolute Idee<, welche wieder in mannigfaltigen Brechungen zu den verschiedenen Ideen der Menschenliebe, Vernünftigkeit, Bürgertugend u.s.w. auseinander schlug. Kann ich die Idee aber mein Eigentum nennen, wenn sie Idee der Menschheit ist, und kann Ich den Geist für überwunden halten, wenn Ich ihm dienen, ihm >Mich opfern< soll? ... Als ob ein Begriff der Sache für sich existierte und nicht vielmehr der Begriff wäre, welchen man sich von der Sache macht ! Als ob ein Verhältnis, welches Wir eingehen, nicht durch die Einzigkeit der Eingehenden selbst einzig wäre!

Als ob es davon abhinge, wie Andere es rubrizieren (rubrizieren = klassifizieren / P.)! Wie man aber das >Wesen des Menschen< vom wirklichen Menschen trennte und diesen nach jenem beurteilte, so trennt man auch seine Handlung von ihm und veranschlagt sie nach dem >menschlichen WerteDer Einzige und sein Eigentum<, 1. Abteilung, >Die Hierarchie <) So stieß oder stösst Stirner auf eine Sache, die noch vor der Gewaltausübung und der Androhung derselben seit jeher primäres Herrschaftsinstrument ist, nämlich die geistige Konditionierung, bzw. die -Herrschaft durch geistige Manipulation-. Hier gelangen wir dann entschieden ins Reich der Politik.

Stirners Analyse des irdischen Geschehens seit der Antike offenbaren die Völker vereinnahmenden und Völker übergreifenden Religionen als auf das Sozialdasein konzentrierte Gesellschaftskulte, wie es in jüngerer Zeit bsw. auch in letzter Konsequent Historiker wie Georges Dumézil (1898- 1986) unternahmen. „Christentum ist die Religion der Gesellschaft (Insofern äußert Stirner an anderer Stelle, daß auch seine Zeit noch gänzlich vom Christentum dominiert werde ! / Anmerkg. P.)... Alle Religion ist ein Kultus der Gesellschaft, dieses Prinzipes, von welchem der gesellschaftliche (kultivierte) Mensch beherrscht wird; auch ist kein Gott der ausschließliche Gott eines Ichs, sondern immer der einer Gesellschaft oder Gemeinschaft, sei es der Gesellschaft >Familie< (Laren, Penaten) oder eines >Volkes< (>Nationalgott<) oder >aller Menschen< (>er ist ein Vater aller Menschen<).“(Max Stirner, >Der Einzige und sein Eigentum< 2. Abteilung, II. 2. >Mein Verkehr<)

Die Bourgeoisie als Herrschaftskaste der Neuzeit deklarierte Stirner zum „Adel des Verdienstes“ im Sinne eines gesunden produktiven weltlichen Strebens, gegenüber der aus bourgeoiser Sicht alten, „faulen“ Aristokratie der Wohlgeborenen und Noblen, d.h. des Blutadels (der „Blaublütigen“). Das Bürgertum hat, nach einigen Epochen unter aristokratischer Herrschaft, endlich den totalen Materialismus auf den Schild gehoben (Das Zeitalter des Materialismus ist nach Stirner eine logische Folge der Übertragung der christlichen Liebes- und Herdenmentalität, des Dogmas der universellen Liebe auf die soziale Ebene der mehr oder minder säkularen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts; worin ihm im Übrigen bedeutende Kulturdenker wie bsw. Oswald Spengler folgten !) und begonnen eine Ideologie des >Fortschrittes<, d.h. der schrittweisen Ablösung und Überwindung des Altertümlichen zugunsten eines (vermeintlich) zunehmenden Allgemeinen Wohlstandes und allgemeiner Rechte (Bürgerrechte, Menschenrechte etc.) zu predigen. Kraft der bourgeoisen Theoretiker trat die merkantilistische Welt (in England bsw. der Manchesterkapitalismus) aggressiv allen Kräften der aristokratisch- klerikalen Restauration entgegen, die sich speziell zu Stirners Zeit noch stark in Westeuropa regten und mancherorts auch mitunter noch völlig den Ton angaben, den Absolutismus d.h. die Obergewalt von Königtum und Klerus bis ins frühe 20. Jahrhunderts zu konservieren vermochten. (Man beachte, daß die Restaurationsbestrebungen des frühen 19. Jahrhunderts ab 1815 überall in Westeuropa Hand in Hand mit dem katholischen Klerus verliefen !)

Stirner lehnte zwar zeit seines Lebens den Adel so gut wie das Bürgertum ab, aber seine Konzentration als Kulturphilosoph galt doch vornehmlich der Bourgeoisie und deren Unternehmungen auf geistiger wie sozialer Ebene, da sich letzteres als Sozialverband trotz aller internen Differenzen im 19. Jahrhundert (auf Grundlage der Liberaldemokratie und des Geistes von 1789) unaufhaltsam auf dem Vormarsch zur soziopolitischen Alleinherrschaft befand wie es bsw. Friedrich Engels und Karl Marx bereits in der ersten Hälfte besagten Jahrhunderts konstatierten. (Der Kommunismus bestätigt auf Grundlage eines egalitären Rechtsempfindens das „Recht“ einer allerdings abstrakten >Majorität<, d.h. der Masse, weshalb es keinen Widerspruch darstellt, daß Würde und Freiheit des Individuums im Kommunismus wie nirgends sonst mißachtet und verletzt werden; dies also wahrlich gesetzmäßig.)

Grundsätzlich lehnt Stirner in seinem Werk >Der Einzige und sein Eigentum< jedwede kollektive Zwangsmoral und die Unterwerfung des Individuums ab, selbst wenn sich die Bourgeoisie gern hinter dem Begriff des >Volkes< (des "kleinen Mannes") versteckt, auf dessen Grundlage diese höchst eigennützigen Gesetze zur Durchsetzung ihres Utilitarismus und ihres Ökonomismus installiert, denen fortan alle Menschen unterworfen sind und auf ewig unterworfen sein sollen.

Aus Stirners Analyse der Gesellschaftverhältnisse seiner Zeit (sowie der überschaubaren Vergangenheit) ergab sich für ihn eine Manipulation des Denkens durch die Herrschenden wie bürgerlichen Medien, wenngleich er dies nicht so artikulierte. Stirners Ablehnung galt weit mehr noch als dem bürgerlichen Stand, dem bourgeoisen Staat, wenngleich er sich philosophisch in seinem Hauptwerk nicht auf diesen konzentriert, sondern auf das Staatswesen per se. Zu der ethischen Kritik tritt eine ökonomische Kritik, die ihn geistig in eine gewisse Nähe zu den Kommunisten (Seine Kritik des Kommunismus behandeln wir später !) bringt, obwohl er den Kommunismus insgesamt verurteilt.

Dem Staatswesen, dem politisch reglementierten Leben, gilt Stirners Hass vornehmlich. Über die Scheinfreiheit, die die Staaten dem Einzelnen gewähren, sagt er: „Politische Freiheit sagt dies, daß die Polis, der Staat, frei ist, Religionsfreiheit dies, daß die Religion frei ist; also nicht, daß Ich vom Staate, von der Religion, vom Gewissen frei, oder daß Ich sie los bin. Sie bedeuten nicht Meine Freiheit, sondern die Freiheit einer Mich beherrschenden und bezwingenden Macht; sie bedeutet, daß einer Meiner Zwingherrn, wie Staat, Religion, Gewissen, frei sind. …. (D)iese Zwingherrn machen Mich zum Sklaven, und Ihre Freiheit ist Meine Sklaverei.

Dass sie dabei notwendig dem Grundsatze >der Zweck heiligt die Mittel< folgen, versteht sich von selbst. Ist das Staatswohl Zweck, so ist der Krieg ein geheiligtes Mittel; ist die Gerechtigkeit Staatszweck, so ist der Totschlag ein geheiligtes Mittel und heisst mit seinem heiligen Namen: >Hinrichtung< u.s.w.; der heilige Staat heiligt alles, was ihm frommt.“ (Max Stirner, >Der Einzige und sein Eigentum<, 1. Abteilung, >Der politische Liberalismus <)

Die höchste Gottheit des Bürgertums stellt der Mammon dar. „>Geld regiert die Welt< ist der Grundton der bürgerlichen Epoche“ so Stirner. „Ein besitzloser Adliger und ein besitzloser Arbeiter sind als >Hungerleider< für die politische Geltung bedeutungslos: Geburt und Arbeit tun´s nicht, sondern das Geld gibt Geltung. Die Besitzenden herrschen, der Staat aber erzieht aus den Besitzlosen seine >Diener<, denen er in dem Maße, als sie in seinem Namen herrschen (regieren) sollen, Geld (Gehalt) gibt. Ich empfange Alles vom Staate. Habe ich etwas ohne die Bewilligung des Staates?

Was Ich ohne sie habe, das nimmt er Mir ab, sobald er den fehlenden >Rechtstitel< (Dies meint den Nachweis rechtmäßiger Inbesitznahme nach Bedingungen, die der Staat vorgibt ! / Anmerkg. P.) entdeckt. Habe ich also nicht Alles durch seine Gnade, seine Bewilligung ? Darauf allein, auf den Rechtstitel, stützt sich das Bürgertum. Der Bürger ist, was er ist, durch den Staatsschutz (den >staatlichen Schutz<, also die Rechtssicherheit zur Kapitalbildung und Ausbeutung der Arbeitskraft produktionsmittelbesitzloser Menschen / Anmerkg. Pletat), durch die Gnade des Staats.

Er müßte fürchten, Alles zu verlieren, wenn die Macht des Staates gebrochen würde. Wie ist´s aber mit dem, der nichts zu verlieren hat, wie mit dem Proletarier ? Da er nichts zu verlieren hat, braucht er für sein >Nichts< den Staatsschutz nicht. Er kann im Gegenteil gewinnen, wenn jener Staatsschutz den Schützlingen entzogen wird. Darum wird der Nichtbesitzende den Staat als Schutzmacht des Besitzenden ansehen, die diesen privilegiert, ihn dagegen nur –aussaugt. Der Staat ist ein –Bürgerstaat, ist der Status des Bürgertums.

Er schützt den Menschen nicht nach seiner Arbeit, sondern nach seiner Folgsamkeit (>Loyalität<), nämlich danach, ob er die vom Staate anvertrauten Rechte dem Willen, d.h. Gesetzen des Staates gemäß, genießt und verwaltet. Unter dem Regime des Bürgertums fallen die Arbeitenden stets den Besitzenden, d.h. denen, welche irgend ein Staatsgut (und alles Besitzbare ist Staatsgut, gehört dem Staate und ist nur Lehen der Einzelnen) zu ihrer Verfügung haben, besonders Geld und Gut, also den Kapitalisten in die Hände. Es kann der Arbeiter seine Arbeit nicht verwerten nach dem Maße, welchen sie für den Genießenden hat. >Die Arbeit< (der Produktionsmittelbesitzlosen! / Anmerkg. Pletat) wird schlecht bezahlt !<

Den größten Gewinn hat der Kapitalist (der Produktionsmittelbesitzende / Anmerkg. Pletat) davon. –Gut und mehr als gut werden nur die Arbeiten derjenigen bezahlt, welche den Glanz und die Herrschaft des Staates erhöhen, die Arbeiten hoher Staatsdiener. Der Staat bezahlt gut, damit seine >guten Bürger<, die Besitzenden, ohne Gefahr schlecht bezahlen können; er sichert sich seine Diener, aus welchen er für die >Guten Bürger< eine Schutzmacht, eine >Polizei< (zur Polizei gehören Soldaten, Beamte aller Art, z.B. die der Justiz, Erziehung u.s.w., kurz die ganze >Staatsmaschine<) bildet, durch gute Bezahlung und die >guten Bürger< entrichten gern hohe Abgaben an ihn, um desto niedrigere ihren Arbeitern zu leisten…. Der Staat beruht auf der –Sklaverei der Arbeit. Wird die Arbeit frei, so ist der Staat verloren.“ (ebenda)

Und: „Aber sind die Personen auch (rechtlich / P.) gleich geworden, so doch nicht ihr Besitztum. Und doch braucht der Arme den Reichen, der Reiche den Armen, jener das Geld des Reichen, dieser die Arbeit des Armen. Also braucht keiner den Andern als Person, aber er braucht ihn als Gebenden, mithin als einen, der etwas zu geben hat, als Inhaber oder Besitzer. Was er also hat, das macht den Mann. Und im Haben oder an >Habe< sind die Leute ungleich…. Indem … der Staat eines jeden Person und Eigentum gegen den Andern schützt, trennt er sie von einander: Jeder ist sein Teil für sich und hat sein Teil für sich. Wem genügt, was er ist und hat, der findet bei diesem Stande der Dinge seine Rechnung; wer aber mehr sein und haben möchte, der sieht sich nach diesem Mehr um und findet es in der Gewalt anderer Personen. Hier gerät er auf einen Widerspruch: als Person steht keiner dem Andern nach, und doch hat die eine Person, was die andere nicht hat, aber haben möchte. Also schließt er daraus, ist doch die eine Person mehr als die andere, denn jene hat, was sie braucht, diese hat es nicht, jene ist ein Reicher, diese ein Armer…. Unserer Freiheit der Person des Andern fehlt noch die Freiheit von dem, was sie in ihrer persönlichen Macht hat, kurz von dem >persönlichen Eigentum<". (Max Stirner, >Der Einzige und sein Eigentum< 1. Abteilung, >Der soziale Liberalismus <)

Wer nun den letzten Abschnitt aufmerksam gelesen hat, mag zur Überzeugung gelangt sein, daß sich Stirner generell gegen Privateigentum ausspricht oder aussprach, doch dem ist ganz und gar nicht so. Er behandelt vielmehr in seinem Hauptwerk bezüglich des Staatswesens die Spiel- und Denkarten des Liberalismus bishin zu Sozialismus und Kommunismus. Letztere sprechen von einer materiellen Um- und Neuverteilung bishin zur Kollektivierung des Eigentums (Expropriation = Entzug des Eigentums zugunsten einer anderen gemeinschaftlichen Nutzung), besonders des Bodens und der Produktionsmittel, und hier muß Stirner als Gegner des Staatswesens, der staatlichen Willkür, letztlich doch widersprechen. Eine solche Gesellschaft des „Lumpengesindels“ (Formulierung Stirners !), der Habenichtse, d.h. die kommunistische Gesellschaft, entspringt einer infantilen Utopie.

„Die Reflexionen und Schlüsse des Kommunismus sehen sehr einfach aus“ konstatiert Stirner. „Wie die Sachen dermalen liegen, also unter den jetzigen Staatsverhältnissen, stehen die Einen gegen die Andern, und zwar die Mehrzahl gegen die Minderzahl im Nachteil. Bei diesem Stand der Dinge befinden sich jene im Wohlstande, diese (Proletarier / Anmerkg. Pletat) im Notstande. Daher muß der gegenwärtige Stand der Dinge, d.i. der Staat (status = Stand) abgeschafft werden. Und was an seine Stelle ? Statt des vereinzelten Wohlstandes – ein allgemeiner Wohlstand, ein Wohlstand Aller. Durch die Revolution (1789) wurde die Bourgeoisie allmächtig und alle Ungleichheit dadurch aufgehoben, daß Jeder zur Würde eines Bürgers erhoben oder erniedrigt wurde: der gemeine Mann- erhoben, der Adlige- erniedrigt: der dritte Stand wurde einziger Stand, nämlich Stand der Staatsbürger. Nun repliziert (= erwidert) der Kommunismus: Nicht darin besteht unsere Würde und unser Wesen, daß Wir alle – die gleichen Kinder des Staates, unserer Mutter sind, alle geboren mit dem gleichen Anspruch auf ihre Liebe und ihren Schutz, sondern darin, daß jeder von uns ein Arbeiter ist. Nicht auf das kommt es an, was Wir für den Staat sind, nämlich Bürger, also nicht auf unser Bürgertum, sondern auf das, was Wir für einander sind, nämlich darauf, daß jeder von Uns nur dem Anderen (willen) existiert, der, indem er für meine Bedürfnisse sorgt, zugleich von Mir die seinigen befriedigt sieht. Er arbeitet z.B. für meine Kleidung (Schneider), Ich für sein Vergnügungsbedürfnis (Komödienschreiber, Seiltänzer u.s.w.), er für meine Nahrung (Landwirt u.s.w.), Ich für seine Belehrung (Gelehrter u.s.w.). Also das Arbeitertum (der „Stirn“ und „Faust“ / Anmerkg. Pletat) ist unsere Würde und unsere Gleichheit… Jeder sei in den Augen des Andern ein Arbeiter. Wer Nützliches verrichtet, der steht keinem nach, oder- alle Arbeiter (Arbeiter natürlich im Sinne von >gemeinnütziger<, d.h. kommunistischer Arbeiter) sind gleich. Da aber der Arbeiter seines Lohnes wert ist, so sei auch der Lohn gleich. So lange das Glauben für die Ehre und Würde des Menschen ausreichte, ließ sich gegen keine auch noch so anstrengende Arbeit etwas einwenden, wenn sie nur den Menschen nicht im Glauben hinderte. Hingegen jetzt, wo Jeder sich zum Menschen ausbilden soll, fällt die Bannung des Menschen an maschinenmäßige Arbeit zusammen mit der Sklaverei. Muß ein Fabrikarbeiter sich zwölf Stunden und mehr todmüde machen, so ist er um die Menschwerdung gebracht. Jedwede Arbeit soll den Zweck haben, daß der Mensch befriedigt werde.“ (Max Stirner, >Der Einzige und sein Eigentum< 1. Abteilung, >Der soziale Liberalismus <)

Wer nun glaubt, daß Stirner den theoretischen Kommunismus begrüßte, verteidigte oder guthieß, irrt, denn Stirner setzt gemäß seiner Erkenntnis von geistiger Reife und realistischem Denken, seinen Ausführungen, wenig später die Position des Individuums und der liberalen Kritik entgegen: „Dass der Kommunist in Dir den Menschen, den Bruder erblickt, das ist nur die sonntägliche Seite des Kommunismus. Nach der werkeltätigen nimmt er Dich keineswegs als Menschen schlechthin, sondern als menschlichen Arbeiter oder arbeitenden Menschen. Das liberale Prinzip steckt in der ersteren Anschauung, in die zweite verbirgt sich die Illiberalität. Wärest Du ein >Faulenzer<, so würde er zwar den Menschen in Dir nicht verkennen, aber als einen >faulen< Menschen< ihn von der Faulheit zu reinigen und Dich zu dem Glauben zu bekehren streben, daß das Arbeiten des Menschen >Bestimmung und Beruf< sei. Darum zeigt er ein doppeltes Gesicht: mit dem einen hat er darauf Acht, daß der geistige Mensch befriedigt werde, mit dem andern schaut er sich nach Mitteln für den materiellen oder leiblichen um.

Er gibt dem Menschen eine zwiefache Anstellung, ein Amt des materiellen Erwerbs und eines des geistigen. Das Bürgertum hatte geistige und materielle Güter frei hingestellt und Jedem anheim gegeben, danach zu langen, wenn ihn gelüste. Der Kommunismus verschafft sie wirklich Jedem, dringt sie ihm auf und zwingt ihn, sie (für die Gemeinschaft) zu erwerben (bzw. zu erarbeiten / Anmerkg. Pletat). Er macht Ernst damit, daß Wir, weil nur geistige und materielle Güter Uns zu Menschen machen, diese Güter ohne Widerrede erwerben müssen, um Mensch zu sein. Das Bürgertum machte den Erwerb frei, der Kommunismus zwingt zum Erwerb und erkennt nur den Erwerbenden an, den Gewerbetreibenden. Es ist nicht genug, daß das Gewerbe frei ist, sondern Du mußt es ergreifen. So bleibt der Kritik nur übrig zu beweisen, der Erwerb dieser Güter mache Uns noch keineswegs zu Menschen.“ (Max Stirner, >Der Einzige und sein Eigentum< 1. Abteilung, >Der soziale Liberalismus <)

Stirner spielt gewissermaßen mit den Ansichten über Gerechtigkeit und ein menschenwürdiges Dasein bzw. das Menschsein, und skizziert die kommunistische Gesellschaft (wie sie bsw. französische und helvetische Kommunisten zwischen 1830- 1844 zeichneten) als Zwangssystem, das den selben Grundirrtümern erliegt (damit auf den selben quasireligiösen Glaubenssätzen beruht) wie die (essentiell und tendenziell säkulare) bourgeoise Gesellschaft. So gelingt es Stirner zu beweisen, daß alle verbreiteten Auffassungen darauf hinauslaufen, das Individuum gemäß der fixen und tatsächlich höchst destruktiven Menschheits- Idee für die (abstrakte) Allgemeinheit einzuspannen. Die höchste Ausweitung des Begriffes der >Allgemeinheit< ist die >Menschheit< (in ihrer theoretischen Universalität), ein Begriff, der als politische Parole, ja als größte aller Phrasen, in der modernen Welt überall auftaucht und die kollektivistischen Denkrichtungen erkenntlich macht. Vor allem ist hier aber die Rede vom (vorherrschenden) Weltbild des humanen Liberalismus, aus dem ja auch der kommunistische Ungeist erwuchs.

Der „humane“ Liberalismus bekämpft die wahre Persönlichkeit, das qualitativ gesonderte Individuum. Daher wird der „humane“ Liberalismus als Weltanschauung des demokratischen Zeitalters begriffen. („Demokratie“ meint also, unabhängig von ihrer realpolitischen Verfassung oder Umsetzung, nichts anderes als eine >anorganische Gesellschaft< oder aus Perspektiver diverser aristokratisch orientierter Denker eine >Pöbelordnung<, eine gleichmacherische oder egalitäre „Ordnung von unten“!) Stirner erblickte in der Doktrin des >allgemeinsten Staates<, statt eines >beschränkten Staates<, die Ursache für die Entstehung des >totalen Kollektivismus<, der sich im Sozialismus ankündigt und im Kommunismus zu verwirklichen trachtet. Es handelt sich beim totalen Kollektivismus nicht mehr vornehmlich um eine Frage der Güterverteilung und Arbeitsethik, sondern um die totale Gleichschaltung und Ausbeutung des Individuums, des menschlichen Geistes.

Stirner rekapituliert die Kritik des "humanen Liberalismus" am Kommunismus so, daß ersterer unzweifelhaft als eine Steigerung des kollektivistischen Prinzips erscheint. Der humane Liberalismus rüge gemäß Stirner den Kommunismus für seinen materialistischen Pragmatismus, entfalte jedoch selbst einen scheinheiligen Allerweltsaltruismus, d.h. den Wahn, das jeder Einzelne allein für die Menschheit zu leben und zu arbeiten habe. Die kommunistische Arbeit zeichnet Stirner aus Perspektive des humanen Liberalismus als geistlose Tätigkeit des Einzelnen zur materiellen Befriedigung der Gesellschaft. Es ermangelt dem Kommunismus zu jener Zeit aus der Sicht der humanen Liberalen, mit denen Stirner ja ideologisch nichts zu tun haben wollte, sozusagen des (frei-) maurerischen Fundaments, - der Arbeit für die Menschheit im Sinne bourgeoiser Werte ! (Dieser Antagonismus findet sich auch besonders in der Kritik von Männern wie Giovanni Gentile am Kommunismus im 20. Jahrhundert, obwohl Gentile aufgrund der Wesensverwandtschaft von Humanismus und Kommunismus faktisch hinsichtlich gewisser Aspekte mit der kommunistischen Gesellschaft wie sie sich seinerzeit in der UdSSR darstellte, sympathisierte.) Aus allem Gesagten ergibt sich für Stirner folgerichtig das wahre Wesen der Freiheit sowie deren materielle Aspekte. Nur die ganze Freiheit ist seiner Auffassung gemäß die wahre Freiheit. „Die Freiheit kann nur die ganze Freiheit sein“ so Stirner, denn „ein Stück Freiheit ist nicht >die Freiheit<.“ (Max Stirner, >Der Einzige und sein Eigentum< 2. Abteilung, I. >Die Eigenheit <)

Wahre Freiheit bedeutet nach Stirner, dass der Mensch vor allem auch materielle Unabhängigkeit, d.h. Besitz erlange, da der Besitz ausschlaggebend für die Lebensweise der Individuen sei. Der einzelne Mensch müsse Eigner (=Eigentümer) sein, um seine Selbstbestimmung durch Herrschaft über Dinge zu erhalten, anstatt Sklave der Dinge anderer Menschen zu sein. Der >Eigner< ist jedoch nach Stirner viel mehr als nur ein Mensch, der materielle Unabhängigkeit errungen hat. Vielmehr verstand er darunter denjenigen Typus, der durch Ausbildung des vollkommenen Egos geistige Souveränität erlangt hat und fortan jede weltanschauliche und religiöse Knechtschaft von sich weist, d.h. er begriff den >Eigner< als >aufgeklärten Menschen< par excellence. (In seiner Frühschrift >Das unwahre Prinzip unserer Erziehung oder Der Humanismus und Realismus< von 1842, äußerte er sich bereits in diesem Sinne über die Verhinderung der geistigen Souveränität durch das westliche Bildungssystem.) So ist der >Eigner< also der Inbegriff von (maximaler) Autonomie und Freiheit. „Meine Macht ist mein Eigentum. Meine Macht gibt mir Eigentum. Meine Macht bin Ich selbst und bin durch sie mein Eigentum.“ (>Der Einzige und sein Eigentum< 2. Abteilung, II.)

Überhaupt existiert für Stirner im Staatswesen per se keine wirkliche Freiheit und um so ausgeprägter der Kollektivismus, je größer die Notwendigkeit der (Selbst-) Verleugnung des >Ich< zugunsten eines abstrakten Menschenbildes, d.h. suggerierter Individualität. Christentum und Liberalismus sind als Ideologien neben vielen anderen, auf die Organisation gemeinschaftlichen Lebens ausgelegt und müssen daher notwendigerweise den Willen wie die Interessen des Einzelnen mißachten. Selbst die "innere Freiheit", von der gerade im Christentum (aber auch von Demokraten) so viel gesprochen wird, sei nach Stirner eine Scheinfreiheit, eine Lüge, da sie nicht identisch mit der äußeren, gesellschaftlichen Freiheit sei.

Doch was bedeutet Stirner die Freiheit selbst, die bedeutendste oder auch populärste aller Verheißungen oder Phrasen? Er erblickt in ihr tatsächlich mit zwingender Logik zunächst nicht mehr als eine Lösung von Zwängen und Zwangsverhältnissen (Verpflichtungen), also eine zielgerichtete Emanzipation, die Erlangung wahrer Autonomie oder Souveränität. Totale Freiheit gilt ihm als inhaltsleer und er macht sehr deutlich, daß der (einzelne) Mensch im Grunde gar nicht nach der absoluten Loslösung (Autonomie) von allen irdischen Bindungen, sondern lediglich (naturnotwendig) nach der Befreiung von unangenehmen und aufzehrenden Zwängen strebe.

So ist Freiheit gedanklich für tausend Personen mit tausend verschiedenen Vorstellungen und Zielen verknüpft. Jedoch existieren Ursachen sozialer Unfreiheit wie des Unwohlseins der Majorität von Sterblichen, die man deutlich wahrzunehmen vermag. Alles hängt im Grunde mit der Verteilung der Güter und Produktionsmittel zusammen, wobei wir wieder beim Denkansatz der Sozialisten und Marxisten angekommen sind. Echte Freiheit, d.h. Souveränität, ergäbe sich für den Einzelnen nach Stirner erst durch Besitz und Herrschaft (Beherrschung der Dinge), d.h. die Möglichkeit, die eigenen Überzeugungen zu leben und unbeeinträchtigt individuelle Kreativität zu entfalten. (Man denke hier auch an die Maslowsche Bedürfnispyramide oder Bedürfnishierarchie !)

Die >Freiheit< gilt ihm demnach wie für alle anderen Lebensmotive als egoistischer Trieb und nebenbei erkennt und demaskiert er die Hauptursache der Herrschaft, nämlich die kollektive ethische Zwangsindoktrination, die bereits die „Aufklärer“ des 18. Jahrhunderts hinsichtlich der christlichen Erziehung (mit einiger Berechtigung) attackierten. Da, wo allerdings die Enzyklopädisten und materialistischen Protagonisten der „Aufklärerung“ des 18. Jahrhunderts christliche Thesen und Heilsversprechen durch universale anthropozentrische und damit egalitäre Phrasen (gemäß eines abstrakten, anthropozentrischen Weltbildes) ersetz(t)en (Gegen Stirner erscheinen in der Tat egalitaristische Sozialtheoretiker wie Jean Jaques Rousseau als geistesschwache Sklavennaturen !), führt Stirner unbarmherzig das Skalpell gegen alle Dogmen und Utopien. So entlarvt er nicht allein die >Freiheit<, d.h. das Streben nach Freiheit (von allen Bindungen und Verpflichtungen), als egoistischen Trieb und ermahnt seine Leser dazu, auf keinen Fall mehr den unzähligen; Gott in den Mund gelegten, tatsächlich aber von machthungrigen Menschen stammenden; Weisungen zur Beherrschung einer zweifellos insgesamt schwachsinnigen Menschheit Folge zu leisten, sondern vielmehr den eigenen Willen, die eigenen Interessen, zu erkunden, um dem Streben nach Freiheit Ziel und (höheren) Sinn zu verleihen.

Auch auf die priesterlichen Argumente für die Zweckmäßigkeit einer religiösen Lebensweise und für die Verwerfung des atheistischen Daseins, hatte Stirner eine Antwort parat, die sich auch heute noch zu vernehmen lohnt. „Warum wollt ihr nun den Mut nicht fassen, Euch wirklich ganz und gar zum Mittelpunkt und zur Hauptsache zu machen ? Warum nach der Freiheit schnappen, eurem Traume? Seid Ihr euer Traum? Fragt nicht erst bei euren Träumen, euren Vorstellungen, euren Gedanken an, denn das ist alles >hohle Theorie<." (Max Stirner, Der Einzige und sein Eigentum<, 2. Abteilung, I. >Die Eigenheit <)

Die Vorstellung Gottes und priesterlicher Gebote, sind gemäß Stirner durch den wahren Willen des >Ich< zu ersetzen. Ebenso, wie man sich von nichts befreit, daß man als angenehm und höchst zweckmäßig erachtet, so bedürfen Menschen eigentlich lediglich aus individuellen und egoistischen Gründen der geistigen Führung, und Egoisten sind es wiederum, die diesen scheinbaren Bedarf neben der weitverbreiteten Gutgläubigkeit der Massen ökonomisch und politisch ausnutzen. >Egoismus<, d.h. >Eigenheit<, so Stirner, ist die Schöpferin von allem. Es ist also nur folgerichtig, daß sich der von allen Lasten und Erniedrigungen emanzipierende Mensch auch von den Täuschungen befreie, um durch bewußten Egoismus (bewußte Eigenheit) die wahre Freiheit zu erlangen. In dem Maße, indem das >Ich< Freiheiten erlangt, erschafft es jedoch neue Grenzen und Aufgaben. Dies mag manchen verwundern. 

 Stirner meint hierzu: „Je freier ich indes werde, desto mehr Zwang türmt sich vor meinen Augen auf, desto ohnmächtiger fühle Ich Mich. Der unfreie Sohn der Wildnis empfindet noch nichts von all´ den Schranken, die einen gebildeten Menschen bedrängen: er dünkt sich freier als dieser. In dem Maße als Ich Mir Freiheit erringe, schaffe Ich Mir neue Grenzen und neue Aufgaben; habe ich die Eisenbahnen erfunden, so fühle Ich mich wieder schwach, weil Ich noch nicht, dem Vogel gleich, die Lüfte durchsegeln kann, und habe Ich ein Problem, dessen Dunkelheit meinen Geist beängstigte, gelöst, so erwarten Mich schon unzählige andere, deren Rätselhaftigkeit meinen Fortschritt hemmt, meinen freien Blick verdüstert, die Schranken meiner Freiheit Mir schmerzlich fühlbar macht.“ (Max Stirner, >Der Einzige und sein Eigentum<, 2. Abteilung, I. >Die Eigenheit <)

„>Nun (da) ihr frei (ge-)worden seid von der Sünde, seid Ihr Knechte (ge-)worden der Gerechtigkeit<“ beschließt Stirner diesen Gedankengang. Der nonkonforme Bayreuther, dessen Weltbild und Gesellschaftskritik sich sowohl der junge Richard Wagner wie der junge Friedrich Nietzsche in nicht unerheblichem Maße verpflichtet fühlten, sprach auch von einem „Fortschritt der Menschen“. Dieser ist allerdings als fortschreitende Befreiung des Individuums und nicht als Fortschritt der Kollektivierung und Mechanisierung (Unterwerfung der Natur), sowie der Produktivität und der Profite, also tatsächlich als das Gegenteil dessen, was man gemeinhin darunter versteht, zu begreifen.

Stirner´s geistig erwachtes >Ich< steht im Kampfe mit der menschlichen Gesellschaft als Knochenmühle menschlicher Nutztiere d.h. Sklaven. Stirner ist vielleicht derjenige westliche Philosoph, der (- nach dem Marquis Donatien de Sade, aber zeitlich vor Friedrich Nietzsche und „Ragnar Redbeard“! // - Ludwig Feuerbach ist hingegen streng genommen nicht zu den radikalen Individualisten zu zählen, da es sich bei ihm um einen Moralisten des Naturrechts handelt, einen Denker, der nach einer naturalistischen Konformität strebte, der also das Gegenteil von dem forcierte, was Stirner verfocht !) am radikalsten mit allen gesellschaftlichen und kulturellen Konventionen und Mechanismen (vor allem bourgeoiser Art) brach. Egoismus (Eigenheit) gilt Stirner mehr als Freiheit, ja als totale Freiheit, denn staatliche oder institutionelle Freiheit etc. sind als rein abstrakte Freiheiten ausgelegt, d.h. nichts als Phrasen.

Im Grunde kann man sagen, daß Stirner die >Freiheit< begrifflich lediglich dazu nutzt, um zu dem zu gelangen, was ihm >Unabhängigkeit< und >Herrschaft< (des >Ich< über sich selbst) bedeutet. „Was bleibt übrig, wenn Ich von Allem, was Ich nicht bin, befreit wurden? Nur Ich und nichts als Ich. Diesem Ich selber aber hat die Freiheit nichts zu bieten. Was nun weiter geschehen soll, nachdem Ich frei geworden, darüber schweigt die Freiheit, wie unsere Regierungen den Gefangenen nach abgelaufener Haftzeit nur entlassen und in die Verlassenheit hinausstossen. Warum nun, wenn die >Freiheit< doch dem >Ich< zu Liebe erstrebt wird, warum nun nicht das >Ich< selber zu Anfang, Mitte und Ende wählen? Bin ich nicht mehr wert als die Freiheit? Bin ich es nicht, der >Ich< mich frei mache, bin >Ich< nicht das Erste? Auch unfrei, auch in tausend Fesseln geschlagen, bin >Ich< doch, und >Ich< bin nicht etwa erst zukünftig und auf Hoffnung vorhanden, wie die Freiheit, sondern >Ich< bin auch als Verworfenster der Sklaven- gegenwärtig. Bedenkt das wohl und entscheidet Euch, ob Ihr auf eure Fahne den Traum der >Freiheit< oder den Entschluß des >Egoismus<, der >Eigenheit< stecken wollt. Die >Freiheit< weckt euren Grimm gegen Alles, was Ihr nicht seid; der >Egoismus< ruft Euch zur Freude über Euch selbst, zum Selbstgenusse; die >Freiheit< ist und bleibt eine Sehnsucht, ein romantischer Klagelaut, eine christliche Hoffnung auf Jenseitigkeit und Zukunft; die Eigenheit ist eine Wirklichkeit, die von selbst gerade so viel Unfreiheit beseitigt, als Euch hinderlich den eigenen Weg versperrt. Von dem, was Euch nicht stört, werdet Ihr Euch nicht lossagen wollen, und wenn es Euch zu stören anfängt, nun so wißt Ihr, daß >Ihr Euch mehr gehorchen müsset, denn den Menschen!< (kanonischer Jesusausspruch)“ (ebenda) Stirner verachtet die Völker (Nationen) ebenso wie die Gesellschaft (oder Sozietät, damit auch Unternehmen bzw. Konzerne). Für ihn ist das Gewaltmonopol des Staates nur ein willkürlich angemaßtes "Recht", ein Privileg (Vor- Recht), das es zu brechen gilt. „Warum ist die Freiheit der Völker ein >hohles Wort<?“ fragt Stirner. „Weil die Völker keine Gewalt haben! ...Warum schmachten denn die deutschen (Stände-) Kammern vergeblich nach Freiheit, und werden dafür von den Ministern geschulmeistert ? Weil sie keine >Gewaltigen< sind! Die Gewalt ist eine schöne Sache und zu vielen Dingen nütze; denn man kommt mit einer Hand voller Gewalt weiter, als mit einem Sack voll Recht. Ihr sehnt Euch nach der Freiheit? Ihr Toren! Nähmet Ihr die Gewalt, so käme die Freiheit von selbst. Seht, wer die Gewalt hat, der >steht über dem Gesetze<. Wie schmeckt Euch diese Aussicht, ihr gesetzlichen< Leute?“ (Max Stirner, >Der Einzige und sein Eigentum<, 2. Abteilung, I. >Die Eigenheit <)